Windeck-Leuscheid, im Oktober 2019

Lesen-Innovation

Das Turbo-Lesen: Eine Erste Evaluation
Von Zweien, die auszogen, das Lesen zu lehren

Ein erster Einstieg: Lesen in 'unmöglichen Geschwindigkeiten'

Von Rotraut Hake-Michelmann
und Walter Uwe Michelmann

Eingangs eines im März 2001 von uns veröffentlichten Buches mit dem Thema: »Berufliches Lesen kann geschult werden« [»TurboLesen | Lesebeschleunigung im Beruf | das Trainingsbuch« | deutsche und polnische Ausgabe: www.turbolesen.de] ist zu lesen, daß eine US-amerikanische Schnellleselehrmethode der 50er Jahre von uns weiterentwickelt worden ist. Wir schrieben, daß wir in einem Individualkurs das »Turbo-Lesen« genannte Schnell-Lesen als Ergänzung zu dem herkömmlichen Lesen lehren, und daß dieses Lesen mit mindestens zehnfacher Geschwindigkeit des Üblichen auch komplexe Fachtexte zu lesen ermöglicht. Wer davon noch nie etwas gehört hat, winkt zumeist ab. Um dem entgegenzuwirken, erwähnten wir sogleich am Anfang des Trainingsbuches die 1999 als gemeinnützig mit dem Vereinszweck »Forschung & Wissenschaft« gegründete »DGfbL | Deutsche Gesellschaft für berufliches Lesen e.V.«, welche dieses Buch hier herausgibt.

Wir wollten damit bewirken, daß in dem mit Grußwort des Vereinsschirmherrn versehenen Übungsbuch, das sich für ein Selbststudium zur Steigerung klassischen beruflichen Lesens gut eignet, weitergelesen und nicht bereits am Anfang aus der Lektüre ausgestiegen werde, weil vielleicht die Zeit zu schade sei, sich mit etwas zu befassen, dessen Unglaublichkeit auf den ersten Blick so augenscheinlich zu sein scheint. »Reading at impossible speeds« lautet auch der Titel eines 1969 die amerikanische Schnellleselehrmethode beschreibenden Beitrags in der damals erscheinenden psychologischen Fachzeitschrift »Journal of Reading«.

Das sehr erklärungsbedürftige Turbo-Lesen in unserem auch fürs Selbststudium geeigneten Trainingsbuch zur Verbesserung des herkömmlichen Lesens doch lieber wegzulassen riet uns im Dezember 2000 eindringlich der Verlagslektor FALKEN nach dem Redigieren unseres Manuskripts »Das Trainingsbuch«. Schließlich bekämen Studierende und Berufstätige eine zwar wirkungsvolle Lese- und Lernsystematik an die Hand, zudem viele neue Informationen, aber das richtige Schnell-Lesen, das Turbo-Lesen könne man ja wohl im Selbststudium nicht erlernen. Wir aber wollten auf den Hinweis nicht verzichten, daß wir dieses Schnell-Lesen lehren. Stammen doch im wesentlichen aus dieser inzwischen annähernd vierzig Jahre währenden Beratungs- und Schulungsarbeit unsere Kenntnisse und Erfahrungen, die wir in der Arbeit für das berufliche Lesen einsetzen.

Der renommierte Hochschullehrer, welcher 1994 zu unserem Erstlingswerk »Effizient lesen - das Know-how für Zeit- und Informationsgewinn« das Geleitwort schrieb, hatte damit leider kein Gutachten zu der Frage verfaßt, ob es überhaupt möglich ist, mit zehnfacher Geschwindigkeit des Üblichen genau zu lesen. Interessant fand er unsere medizinisch-psychologischen Modelle, mit denen wir erklären, wieso es möglich ist, sogar mit vierzigfacher Geschwindigkeit des Herkömmlichen zu lesen. Viele Dinge über das Lesen habe er ganz neu gesehen, schrieb er uns als freundliches Geleit.

Doch auf Fragen von Journalisten oder Interessierten an unserer Arbeit, was denn er als Fachmann von dem Schnell-Lesen halte, antwortete er stets vorsichtig; zum Beispiel, daß er selbst das Schnell-Lesen zwar nicht beherrsche, aber in all den Jahren nichts Nachteiliges über uns gehört habe, so daß er annehme, daß unsere Arbeit am beruflichen Lesen ernst genommen werden könne.

Gegenwärtig sei das schnelle Lesen theoretisch so unmöglich wie praktisch geläufig, war 1974 in einem Lehrbuch der Kognitionspsychologie zu lesen. Dieser Widerspruch ist bis heute nicht aufgelöst. Der gemeinnützige Verein »Deutsche Gesellschaft für berufliches Lesen e.V.«, der sich wissenschaftlich mit den Grundlagen und Neuerungen der Lesefertigkeit befaßt, arbeitet an der Auflösung des Widerspruchs. In der Satzung der Gesellschaft ist zur Erfüllung des Vereinszwecks die Herausgabe einer Fachzeitschrift verankert. Als Vorbild dient das »Journal of Reading«, in dem 1969 Aufsätze unter anderem zu dem Thema »impossible speeds« veröffentlicht wurden. Lediglich eine erste Ausgabe der »Fachschrift für Lesen-Innovation & Ergonomie-Studien - L.I.E.S.« zu veröffentlichen gelang der Gesellschaft bisher.

Mit fundierten Geschichten und ein wenig Systematik wagen wir in diesem Buch hier eine erste Bewertung der Fertigkeit »Schnell-Lesen« und wie sie geschult und angewandt wird. Den Titel dieses Buches »Das Turbo-Lesen« verdanken wir Journalisten. Die Titelei »Turbolesen: Lesebeschleunigung im Beruf« des im Jahre 2001 erschienenen Trainingsbuchs, mit welchem berufliches Lesen lediglich in den Grenzen herkömmlichen Lesens beschleunigt und verbessert werden kann, sollte die Namensgebung »Turbolesen/Das Turbo-Lesen« schon einmal ein wenig schützen.

Autorin und Autor bemühten sich wieder, wie im ersten Buch, fächerübergreifend zu schreiben. Beim Schreiben von »Effizient lesen« trugen Testlesende aus verschiedenen Fachgebieten zur Lesbarkeit bei. Diesmal konnten wir auf die aktive Mitarbeit fleißiger Vereinsmitglieder zählen, welchen wir an dieser Stelle herzlich danken.

Ergonomie-Studien
Ergonomie wird als die Wissenschaft von den Möglichkeiten und Grenzen der Leistung des arbeitenden Menschen sowie der besten wechselseitigen Anpassung zwischen Mensch und Arbeitsbedingungen beschrieben. Beruflich veranlaßtes Lesen ist Arbeit. Doch leider kann eine »wechselseitige Anpassung« zwischen Lesemensch und Berufstext häufig nicht gelingen. Die Gestaltung von Berufslektüre entspricht zumeist nicht der richtigen Ergonomie. Und so wird berufliches Lesen durch ungeeignete Bedingungen, unter denen gelesen werden muß, und infolge schlechter Textgestalt oder ausuferndem Umfang des Lesestoffs zumeist als Last und nicht als Lust erlebt.

Ein besonderes Verfahren, das in vielfältiger Weise die an beruflich bedingtes Lesen zu richtenden ergonomischen Anforderungen berücksichtigt, stellt die von Rotraut Hake-Michelmann und Walter Uwe Michelmann entwickelte »Textbild-Methode« dar. Ein zusammenfassender Aufsatz der Autoren zu dem Thema »Textbild« mit dem Ttitel »Leseverständnis: Ein Bild vom Text, das Textbild« erschien in der Neuauflage 1998/2002 der Fachschrift für »Lesen-Innovation & Ergonomie-Studien | L.I.E.S.« der »DGfbL | Deutsche Gesellschaft für berufliches Lesen e.V.«.



Seine persönlichen Erfahrungen mit dem Textbildverfahren hatte ein Mitglied der DGfbL e.V. (Dt. Gesellschaft für berufliches Lesen | gemeinnützig zur Förderung von Wissenschaft und Forschung | vgl.: »www.beruflicheslesen.de«) für den Bucheinband des für 2019 geplanten Titels »Die Textbild-Methode: lesen | denken | lernen« aufgeschrieben. Die folgende Veröffentlichung hat(te) die freundliche Genehmigung des Autors:


Die Methode Textbild | Erfahrungen aus der Praxis
Von Dr. iur. [...] [ehemals Mitglied der DGfbL e.V.]*
  • Jeder, der liest, verfolgt einen bestimmten Zweck. Wer Fachliteratur bearbeitet bzw. beruflich zu lesen hat, verfolgt in der Regel den Zweck, Kenntnis vom Inhalt des Gelesenen zu erhalten. Ziel des beruflichen Lesens ist somit, Wissen zu mehren.

  • Wer ein großes Maß an Lesestoff zu bewältigen hat, ist über weitere Arbeitsschritte zusätzlich zu dem eigentlichen Lesen zunächst nicht begeistert.

  • Mit dem Lesen allein ist es jedoch nicht getan. Ein Computer »liest« und »behält«: Was eingegeben wurde, kann abgespeichert werden. Ein Mensch liest, hat aber nicht automatisch verstanden und behalten.

  • Jeder bedient sich daher unterschiedlicher Techniken des Verstehens und Behaltens: Dazu gehört oft die erneute Textbearbeitung anhand des Originaldokuments oder anhand eines »Surrogats«. Verwendete Hilfstechniken sind das Markieren, Ausschneiden oder Abheften von Text.

  • Die Methode Textbild schafft eine klare Arbeitssystematik, um Text effektiv und effizient zu bearbeiten. Je umfangreicher ein Dokument ist, desto wirkungsvoller läßt es sich mit der Methode Textbild bearbeiten.

  • Eine Textdarstellung nach der Methode Textbild berücksichtigt die physiologischen Aspekte des menschlichen Sehens (insbesondere die Blickgröße und die Dauer eines Blickes).

  • Ein Textbild ist multifunktional verwendbar: Es dient nicht nur dem Erfassen und Verstehen von Text, sondern kann darüber hinaus z.B. als Inhaltsverzeichnis, Lerngrundlage und Vortragsvorlage eingesetzt werden.
*Der Autor, Diplom-Verwaltungswirt (FH), Diplom-Jurist (Universität Bonn) veröffentlichte Aufsätze zum Beispiel in ZESAR (Zeitschrift für Europäisches Sozial- und Arbeitsrecht).


Mit Vokalisation: Das Lesen pflegen
Von Walter Uwe Michelmann*

Kinder, die lesen lernen, sprechen innerlich mit, sie lernen zu subvokalisieren. Dessen sind sie sich allerdings nicht bewußt. Auch die meisten Lehrer wissen nichts von der Subvokalisation, helfen ihren Schülern aber dabei, diesen guten Geist der Lesefunktion ordentlich zu installieren. Das Lesenlernen, die Installation der Lesefunktion, beginnt zumeist mit dem Vokalisieren durch Vorlesen.

Eine spezielle Störung seines Lesens erlebte Herr C., Geschäftsführer in einem mittleren Unternehmen. Wichtige Berichte und Fachartikel gingen täglich über seinen Schreibtisch. So war es ihm besonders peinlich, daß ausgerechnet sein Chef ihn eines Tages dabei erwischte, als er doch tatsächlich über dem Lesen buchstäblich eingeschlafen war. Sein Chef weckte ihn unsanft aus dem vermeintlichen Büroschlaf und erfuhr, daß dies Herrn C. nicht zum ersten Mal passiert war. Bei der eingeleiteten Ursachenforschung dachte man zunächst an gesundheitliche Mängel. Jedoch: Internist, Neuorologe und Augenarzt bescheinigten Herrn C. eine unverwüstliche Gesundheit und Falkenaugen. Lesen und dabei einschlafen, im Sitzen am Schreibtisch, regelmäßig? Da gab es nur Kopfschütteln.

Herr C. erzählte dem Autor, er habe ein halbes Jahr vor dieser peinlichen Situation mit einem Leseoptimierungsbuch versucht, sich das Subvokalisieren, das innere Mitsprechen beim Lesen abzugewöhnen, um endlich schneller lesen zu können.

Der Autor 'verordnete' Herrn C. tägliches zehnminütiges Vorlesen von Lektüre, die ihm Freude bereite. Einige Zeit danach berichtete Herr C., daß er wieder ganz gelassen sein Lesepensum im Betrieb hellwach bewältigen könne. Seine »Lesestündchen«, mindestens zehn Minuten täglich, behalte er vorsichtshalber bei. Sie seien eine gute Medizin!

*Der Autor, Diplom-Pädagoge (Universität Bonn), Initiator, Gründungsmitglied und ehrenamtlich geschäftsführender Vorstand der DGfbL e.V., schult und berät Führungskräfte, die ihr berufliches Lesen noch verbessern wollen.

Literaturhinweise
Habermann, G.: Stimme und Sprache. Stuttgart; New York 1986
Michelmann, R. und W.U.: Das Notenlesen und die Sprachmusik. In: Effizient lesen. Wiesbaden 1995.
Mumenthaler, M.: Neurologie. Stuttgart; New York 1990
Schmidt/Thews: Physiologie des Menschen. Berlin; Heidelberg; New York 1977